Intensivreise in ein `anderes` Zwiebel-Universum

In enger Abstimmung der beteiligten Partnern vor Ort fand eine kurze und intensive Reise in das zweitgrößte Zwiebelland der Welt statt, um dort für Lagerversuche geeignete Rohware zu definieren und deren Vorbereitung für ein interessantes Qualitätsprojekt abzustimmen.

In jeder Hinsicht wie Sprache, Schrift , Klima , Essen und Sozialstrukturen – sowie unmittelbar erlebbar im unglaublichen Straßenverkehr, bedeutet eine solche Reise den Schritt in eine Art neues Universum, so dass man dort unverzichtbar die Unterstützung erfahrener Partner vor Ort benötigt.
Auch die sehr klein strukturierte Landwirtschaft ist für westeuropäische Vorstellungen in ihren Strukturen kaum erfassbar. Genossenschaftliche Organisationen sind nach Auskunft der lokalen Partner meist staatlich gesteuert und leiden bzw. ersticken dann unter einer unglaublich beharrlichen und aufwändigen Bürokratie. Aktuell entstehen – wohlgemerkt als Neuerung – wohl auch rein privatwirtschaftliche, genossenschaftsähnliche Strukturen, in denen Produzenten Anteile zeichnen können. Dabei leisten einige Firmen die administrative Unterstützung und Absicherung von Bankkleinkrediten, die sonst ohne Sicherheiten für die Kleinstbetriebe nicht zu leisten ist.
Handarbeitsgeprägte Betriebsgrößen von nur wenigen tausend Quadratmetern bis maximal im einstelligen ha – Bereich. Dann sind schnell mal nur für Zwiebeln mehrere tausend (! ) Mitglieder möglich, wie ein beeindruckendes Beispiel mit „Sahyadri Farms“ im Raum der Stadt Nasik ca. 125 km NW von Mumbai, zeigen konnte.
Der Zwiebelanbau teilt sich in allen wichtigen Anbaugebieten Indiens auf in die so genannte „Rabi-Saison“ = Trockenzeit von ca. November bis Ende Mai mit Produktion und Ernte innerhalb der Trockenzeit und Eignung für mehrmonatiges Lager. Die „Kharif“ Zwiebeln der regenreichen Monsoonzeit dienen zur Saisonergänzung und füllen die Lücke zwischen Ende der mehrmonatigen Lagerung von Rabi – Zwiebeln und den ersten Ernten der für den direkten Verbrauch möglichen Zwiebeln aus südlicheren Gebieten Indiens.

Heute sind ca. 70 % der Rabi – Zwiebeln des Staate Maharashtra auf dem ca 20° nördlicher Breite bereits unter Tropfberegnung und damit ist der Markt im letzten Jahrzehnt bereits deutlich in der Versorgung stabilisiert worden. Zu dieser Stabilisierung trägt auch die Entwicklung und Verbreitung von Kenntnissen aller Aspekten der Anbaumaßnahmen bis zur einfacher, bezahlbarer Lagertechnik . Dies findet Niederschlag und ist Ergebnis einer Organisationen wie dem „Directorate Onion and Garlic Research“ zur Entwicklung von Grundlagen auch in der nötigen Genetik und der Einführung neuer lokaler Sorten. Gleichzeitig werden hier alle offiziellen Forschungsaktivitäten in anderen Bundesländern zu essbaren Allium -Arten koordiniert. Eine Hauptrolle nimmt das regierungsamtliche MACP ( Maharasthra Agricultural Competitiveness Project ) ein . Nach der Homepage macp.gov.in eine Art Superministerium für Land und Ernährungswirtschaft, Entwicklungsprojekte ( incl. Finanzierungen durch z.B. Weltbank) . Dort wird auch die Anbauberatung und jede Art von Projektentwicklung koordiniert. Die hochkomplizierte Bürokratie in solchen Organisationen wiederum ist Gerüst und Hindernis zugleich. Der Umgang mit Formalien ist auf jeden Fall für Europäer sehr gewöhnungsbedürftig und bedarf der sicheren Kenntnis der lokalen Abläufe.

1080p_IMG_2736

Bild : die imposante Einfahrt des zentralen Institutes zur Zwiebel und Knoblauch Forschung DOGR verdeutlicht die Wichtigkeit, die diese Kulturart einnimmt

1080p_IMG_2743

Bild : Treffen mit Dr. Jai Gopal (li.) , Leiter des DOGR in Pune

1080p_IMG_2751

Bild : Dr. Kalyani Gorrepati vom DOGR zeigt die Aufbereitung von Zwiebeln für die Saatgutproduktion der von DOGR entwickelten Züchtungen

In der indischen Küche nimmt die Zwiebel eine so zentrale Stellung ein, dass ein Mangel oder ein Preishoch zum wichtigen Politikum werden kann. Das erklärt die sehr hohen Investitionen in das vorgenannte staatliche Forschungsinstitut DOGR . Intensiv wird in der schwierigen Situation mit sehr kleinteiliger Produktion und Vermarktung über viele Stufen von staatlicher Seite versucht Struktur in Marktzahlen und Prognose Systeme zu entwickeln . Das wird – wenn man lokalen Gesprächspartnern zuhört durch staatliche Mindestpreisverordnungen und Exportregulierungen mit zweifelhaftem Erfolg flankiert.

Darüber hinaus lassen der meist geringe Ausbildungsstatus der vielen, kleinen Produzenten, deren technische Ausstattung und die undurchsichtigen Handelsstrukturen Änderungen nur sehr sehr langsam greifen.

1080p_IMG_2659

Bild : die Zwiebel als wichtigste Dekoration in einer offenen Hotelküche

Der Feldbesuch zeigte – angenehm überraschend sehr gesunde Ware ( nahezu keine Pilzkrankheiten oder z. B. Thrips ) von allerdings erstaunlich kleinem Kaliber mit durchschnittlich nur knapp 50 mm – wiederum typisch für die lokalen Verhältnisse. Der Hals war gut eingezogen – jedoch war die Bewässerung wohl (zu?) früh abgestellt worden.
Die Anfang Januar von Hand auf Beete gepflanzte Ware ( ballenlose Zieh-Pflanzen im 3-4 Blatt – Stadium ) wird hier Anfang Mai rechtzeitig vor dem Ende Mai einsetzendem Monsun – Regen von Hand aufgelegt -sofort extrem kurz entschlotet und in Mieten zur Endabreife zwischengelagert.
Wie z. B. auch in Südafrika wird somit jede einzelne Zwiebel mindestens viermal in die Hand genommen bevor sie ins Lager gelangt.
Die sehr einfachen Läger mit Strohabdeckung oder Metalldächern sind nur passive belüftet und Strukturen, wie sie das DOGR ( siehe Bild ) propagiert sind nur wenig verbreitet , weil die Anschaffung zu teuer wäre. Die Kreditvergabe ist sehr sehr schwierig und ohne Sicherheiten sind für die Erzeuger solche kaum zu bekommen. Der aktuelle Zinssatz wurde mit 12 – 15 % angegeben – für besicherte Finanzierungen !

1080p_IMG_2674

Bild : Handernte und Handentschlotung ( deutlich sichtbar die Tropfschläuche mit 1 Schlauch für ein 1, 20 m Beet mit ca 75 Pflzn / m)

1080p_IMG_2680

Bild : wohl zum Schutz vor Sonnenbrand ( ca. 38 ° C !! ) sofortige Schattierung in Mieten

1080p_IMG_2690

Bild : typische, traditionelle Lagerung, die zur Regenzeit mit Planen abgedeckt wird

1080p_IMG_2746

Bild : links im Hintergrund die traditionelle Lagerung mit bis > 60 % Verlust, der in der vorderen Struktur schon deutlich reduziert werden kann ( Asbest wird inzwischen durch z. B. Bleche ersetzt )

Eine Art Kontrastprogram wurde in den von Agro – Mooij B.V. geplanten und ausgestattetem Kühlhaus für Kartoffeln und Zwiebeln erlebt. Hier können 2000 to Ware in 4 Etagen (!) erfasst werden.
Die regionalen Strukturen erlauben ( noch ) keine Erfassung und Lagerung z. B. in Großkisten , die wiederum mit geeigneten Staplern die Lagerhöhe ausnutzen könnten.
Vielmehr muss aus den auf absehbare Zeit kleinen Strukturen die Ware in Säcken erfasst und verarbeitet werden, was geeignete Lüftungsstrukturen erforderlich macht. Auf eben den vier Etagen werden die Kartoffeln respektive Zwiebeln bis zur Ausnutzung der 12 m Bauhöhe gelagert. Ein und Auslagerung erfolgt nach wie vor von Hand bzw. zu Fuß. Die „Treppenhäuser“ können gegebenenfalls nachträglich durch Lifte oder Bandsysteme ersetzt werden.
Interessant hier auch die „weight-watcher“ Station bei denen die elektronische Waage mit dem Smartphone verbunden ständig Auskunft über die Transpiration aber auch Luftfeuchtigkeit und Temperatur geben kann.
Diese Strategie mit gesackter Ware zu arbeiten wird auch durch z. B. den Transport nötig, wo kleine Mengen von unterschiedlichsten Transportsystem auf jedem Untergrund erfasst werden müssen.

1080p_IMG_2768

Bild : alle Arten von Transportvolumina müssen erfassbar sein und dies von allen Flächen = das System der Logistik in Säcken ist aktuell nicht bzw. nicht kurzfristig ersetzbar1080p_IMG_2714

Bild : der Agro- Mooij „weight-watcher“ , Lagerung (hier Kartoffeln) der versetzt gestapelten Sack-Ware auf Lattenrosten als Zwischendecke .

1080p_IMG_2710

Bild : die schwarzen Lüftungsstutzen blasen Feuchtigkeits-gesteuerte und gekühlte Luft ein

1080p_IMG_2711

Bild : Versorgung der Lüftungsstutzen mit kontrollierter = Feuchtigkeits gesteuerter Luft.

1080p_IMG_2728

Bild : „Wandervögel“ bringen und holen die Waren über Treppen sackweise bis in die vierte Etage eines 12 m hohen, nagelneuen (!) 2.000 to Lagers

Für die anstehende Lagersaison werden umfangreiche Versuche unter Leitung von SV – Agri von lokalen Partnern umgesetzt. Die Verbesserung der Lagerung ist in Indien von besonders hohem Interesse, weil zum einen die vorhandenen Techniken und Strukturen den Einsatz von Keimhemmungsmitteln sehr schwierig macht und zum anderen solche Mittel nicht zugelassen sind. Auch in Indien wird die Neuzulassung von Pflanzenschutzmitteln inzwischen kritisch gesehen und unterliegt hohen Anforderungen.

Dr. Peter Grauert, Mai 2015

Bilder : Peter Grauert , concepa

Schreibe einen Kommentar